Vesper am 4. März in der Krypta des Domes
„Entscheidungen sind nur der Anfang von etwas. Wenn man einen Entschluss gefasst hat, dann taucht man damit in eine gewaltige Strömung, die einen mit sich reißt, zu einem Ort, den man sich bei dem Entschluss niemals hätte träumen lassen…“ Mit diesem Zitat von Paulo Coelho habe ich meinen Abschlussbericht über meinen Einsatz als „Missionarin auf Zeit“ angefangen und so möchte ich heute auch beginnen. Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich einen Entschluss gefasst: eine Zeit im Ausland verbringen. Dank der Franziskanerinnen Salzkotten wurde mein Plan immer konkreter und letztendlich bin ich mich Mitte August letzten Jahres nach Indien gereist.
Mein Name ist Christina Lenz, ich bin 22 Jahre alt, stamme gebürtig aus Paderborn und studiere hier Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule.
Ich habe mich für einen Einsatz im Ausland entschieden, weil ich…
…mich über die Grenzen meines Heimatlandes für benachteiligte Menschen engagieren wollte.
…in einer fremden Kultur leben, neuen Menschen begegnen, neue Weltsichten erleben und meine Weltsicht reflektieren wollte.
…mein gewohntes Umfeld verlassen und mich in einer neuen Umgebung weiterentwickeln wollte.
…in einem anderen Land Glauben erleben wollte, wissen wollte, was Glauben für Menschen anderswo auf der Welt bedeutet und was ich von ihnen lernen kann.
Wohin hat mich mein Entschluss nun geführt
- diese „gewaltige Strömung“, die mich mit sich nach Indien gerissen hat?
Von August letzten, bis Januar diesen Jahres habe ich als fünf Monate in einem Kinderdorf und in einem Armenhospiz für Krebspatienten im südindischen Bundesstaat Kerala „mitgelebt, mitgebetet, mitgearbeitet“, habe Patienten gepflegt, mit den Kindern gespielt, bin manchmal „einfach nur da gewesen“. Es war eine tolle Zeit. Sie war nicht immer leicht, aber immer: Sehr bereichernd. In vielerlei Hinsicht wurde in an Orte geführt, die ich mir bei meinem Entschluss nicht hätte vorstellen können.
Was habe ich „mitgenommen“ von dort?
Ich habe einen Teil Indiens kennen gelernt. Ein so fernes Land! Die Welt besteht nicht nur aus meinem kleinen Deutschland… es gibt noch so viel mehr! Ich habe viele wunderschöne Fleckchen Erde gesehen… Großartige Orte, die mich oft haben schweigend über die Schöpfung staunen lassen. Diese Erde ist so wunderschön! Ich habe viele verschiedene Menschen getroffen und kennen gelernt. Viele Menschen, die mir ähnlich waren, viele Menschen, die die Welt ganz anders sehen als ich – von allen habe ich viel gelernt und viele habe ich in mein Herz geschlossen. Ich habe gespürt, wie es ist, fremd zu sein. Wie fühlen sich wohl fremde Menschen in Deutschland? Und wie gehen wir mit ihnen um? Und: Wie fremd sind wir wirklich? Ich habe auch gespürt, dass ich selbst so viele tausend Kilometer entfernt von meiner Heimat so etwas wie ein „Zuhause“ haben kann. Dass es etwas gibt, was uns über Grenzen, Kulturen, Generationen, Sprachen… hinweg verbindet. Ein Lächeln funktioniert überall auf der Welt. Ich habe erlebt, dass in Kerala viele verschiedene Religionen friedlich nebeneinander leben. Ich durfte teilhaben am christlichen Glauben der Menschen dort. Jeden Abend gab es ein Rosenkranzgebet, drei Mal in der Woche einen Gottesdienst. Auch wenn ich auf der regionalen Sprache Malayalam nicht viel verstehen konnte – das gemeinsame Glauben hat mich einen weltweiten Zusammenhalt erfahren lassen. Auch in Indien war ich „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Der Glauben spielt in Indien eine große Rolle, gehört ganz selbstverständlich dazu, wird offen nach außen gezeigt – das hat mich beeindruckt. Aber ich habe auch die Gottesdienste in Deutschland nochmal mehr schätzen gelernt: hier kann ich mitsingen, aktiv dabei sein und kreativ Gebete gestalten. Nicht immer war es einfach in Indien – so weit weg von zuhause, so eine fremde Kultur… Aber: „Gott gibt uns nur Aufgaben, die wir auch bewältigen können“, sagt man so schön. Ich konnte an vielen Situationen wachsen und habe mich von meinem Glauben immer getragen gefühlt.;
Ich habe erfahren, wie viel Glück ich habe, in einem Land wie Deutschland geboren worden zu sein und wie sehr wir einige Dinge hier schätzen sollten. Wie gut man aber auch mit Wenigem auskommen kann und dass materieller Wohlstand nicht immer mit persönlichem Wohlbefinden gleichzusetzen ist. Mein Aufenthalt hat mir auch gezeigt, wo ich herkomme und wo ich mich wirklich „zuhause“ fühle. Einiges aus meiner deutschen Kultur habe ich in Indien vermisst. Materielle Güter können fast immer irgendwie kompensiert werden – bewusst geworden ist mir aber nochmal, wie wichtig (und selbstverständlich) auch bestimmte Werte und Verhaltensweisen in Deutschland für mich sind, beispielsweise die Selbstständigkeit der Frau. Wenn ich überlege, was „das Schönste“ war in diesem halben Jahr, gibt es viel, was sich nicht in Worte fassen lässt.
Was sich in Worte fassen lässt ist:
der Anblick dieser wunderschönen Welt,
die Begegnungen mit den Menschen,
das Gefühl, dass wir alle Teil eines großen Ganzen sind.
Indien hat mich mitgerissen, ich habe viel erlebt und viele Erfahrungen gemacht, die ich mir bei dem Entschluss, der am Anfang stand, nicht hätte träumen lassen.
Ich bin dankbar.
Mein Einsatz als „Missionarin auf Zeit“ hat mich reich beschenkt.
Christina Lenz (christina.lenz@web.de)
Mein Name ist Karina Schmitz und ich bin gebürtig aus Brilon. Nach meinem Lehramtsstudium für Sonderpädagogik habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, für ein Jahr als Missionarin auf Zeit und als Lehrerin nach Malawi zu gehen.
Malawi ist ein kleines Land im Südosten von Afrika gelegen und zählt mit zu den ärmsten Ländern der Welt. Ich war schon immer sehr eng mit der Kirche und meinem eigenen Glauben vertraut und hatte immer wieder die Gedanken, meine Glaubenserfahrungen und beruflichen Interessen auch über die Grenzen Deutschlands weiterzugeben. Ich habe mich mein Leben lang intensiv mit meinen eigenen Glaubenserfahrungen auseinandergesetzt, indem ich regelmäßig unter anderem an Einzelexerzitien teilgenommen habe. Im Jahre 2007 wurde mein Wunsch, im Ausland tätig zu werden, immer größer, und so entschied es sich, dass ich die Möglichkeit bekam, im August 2008 für ein Jahr als Missionarin auf Zeit in dem kleinen Ort Madisi, in Malawi, als Lehrerin an der St. Francis Primary School zu unterrichten. Durch die intensive Vorbereitung der Franziskanerinnen Salzkotten wusste ich schon sehr früh, was mich in dieser wichtigen Zeit dort erwarten wird. Ja, und ich bin noch heute dankbar für all die warmherzigen und freundlichen Begegnungen mit den Menschen in Malawi. Vor allem aber kann ich für mich ganz persönlich sagen, dass ich meinen Glauben nach diesem Jahr noch bewusster in meinen Alltag einfließen lasse. Durch den intensiven Austausch mit den Einheimischen in Madisi ist mir vieles noch bewusster geworden. Wie dankbar ich für all die kleinen Geschenke in meinem Leben sein kann, dass ich gesund bin und jeden Tag reichlich zu essen habe. Wie selbstverständlich wir all diese Dinge hinnehmen, aber habe ich mich jemals ganz ehrlich dafür bedankt? Ja, die Ehrlichkeit, die die Menschen dem eigenen Glauben entgegenbringen ist unbeschreiblich. Kinder und Jugendliche und ältere Menschen gehen wie selbstverständlich zur Kirche, und auch ich wurde gefragt, ob ich zur Kirche komme und ob ich denn katholisch sei. Also der Glaube gestaltet den Alltag dieser Menschen, denn ohne das gemeinsame Gebet und den Zusammenhalt und die Gemeinschaft in den Dörfern und den Familien würden sie viele Notsituationen dort nicht überstehen.
Ein jeder nimmt die Bibel mit zur heiligen Messe und ist dankbar für den Tag, den sie erleben dürfen. Ich habe mir in dem Jahr oft viele Gedanken dazu gemacht. Es ist mir bis heute nicht aus dem Kopf gegangen, dass die Menschen dort ihre wirklichen Probleme damit entschuldigen, dass sie zu mir sagten: „Karina, der liebe Gott hat es so gewollt, dass wir so lange kein Wasser haben und auch dass die Maisernte nicht ausreichend war, aber er schenkt uns wieder bessere Zeiten, Du wirst sehen.“ Und diese Situation war heute vor einem Jahr, wo wir alle ohne fließendes Wasser und oft ohne Strom unseren Alltag durchleben mussten. Ich war in dieser Zeit am Ende meiner Kräfte, und ich habe vor meiner Kerze gesessen und ehrlich für bessere Zeiten gebetet. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass mein Glaube unseren Alltag gestalten sollte und dass wir uns alle hier ein Beispiel daran nehmen können. Wir brauchen uns nicht vor unserer Beziehung zu unserem Herrn verstecken, sondern können bewusst dazu stehen.
Es war für mich immer eine große Freude, mit allen Kindern unserer Schule vor Unterrichtsbeginn gemeinsam zu beten und auch das Wort Gottes zu verkünden und den Kindern näher zu bringen. Ich habe mich dadurch neu kennengelernt, und ich nehme das Wort Gottes auch für mich persönlich in jeden Tag hinein. Denn dadurch bin ich mit den Kindern und Lehrern der St. Francis Primary School, den Schwestern und allen, die mir in dem Jahr ans Herz gewachsen sind, verbunden. Ich kann so die Brücke zwischen Deutschland und Malawi aufrechterhalten. Dieser Rosenkranz ist für mich nach diesem Jahr mein persönlicher Wegbegleiter geworden. Kinder, Männer und Frauen trugen diesen Rosenkranz als Zeichen für ihren tiefen Glauben und engen Beziehung zu Jesus Christus. Ich weiß, dass ich durch diesen Rosenkranz immer mit den Menschen tief verbunden bin, und ich kann mich somit immer wieder an die dankbare Zeit, die ich in Malawi verbringen durfte zurückerinnern.
Ich sage somit zu Ihnen allen in der Landessprache von Malawi „Chichewa“: Zikomo kwambiri ndi Mulungu akudalitseni – Vielen Dank und Gott segne Sie.
Karina Schmitz, 26 Jahre alt.



