
Wenn ich von meiner Berufungsgeschichte erzählen soll, dann finde ich mich biblisch gesehen in der Geschichte der Frau am Jakobsbrunnen wieder (Johannes 4,1-26). Denn Berufung ist für mich eine Erfahrung, die zu meinem Alltag gehört wie bei der Samariterin, die täglich zum Brunnen geht, um Wasser zu schöpfen. Immer wieder gehe auch ich auf meinem Lebensweg, manchmal mühsam in der Mittagszeit, zum Brunnen. Und da braucht es eine Ansprache, ein Gerufenwerden, ein Aufgefordert- werden. Die Frau unterhält sich lange mit diesem Jesus, bis sie in ihrem Herzen merkt, dass ER mit seiner Bitte etwas anderes meint, als nur das alltägliche Wasser zu bekommen. Es ist dieses Einlassen auf das Gespräch, das darüber Nachdenken, was auf einmal im Herzen etwas in Bewegung bringt. Sie spürt, dass ER etwas von ihr möchte, ER ihr aber auch etwas zu geben hat.
Und doch bleibt ein Geheimnis in dieser Begegnung.
So war es auch mit meiner Berufung zum Ordensleben. Aufgewachsen in einer christlichen Familie, dazu noch in einem Wallfahrtsort, gab es gar nicht die Frage, ob ich am kirchlichen Leben und an den Gottesdiensten teilnehmen möchte. Es war eben dieser ganz gewöhnliche Gang „zum Brunnen“. Erst durch ein intensiveres Erlebnis, nämlich im Austausch mit Gleichaltrigen bei Schulbesinnungstagen, erlebte ich mit 16 Jahren eine neue Sicht von kirchlicher Gemeinschaft und Glauben. Ich nahm immer mal wieder teil an Ostertagen, Ferienfreizeiten, Pfingsttreffen und Meditationskursen für Jugendliche. Das machte für mich das Besondere aus. Die Herausforderung war, diese Höhepunkte zusammenzubringen mit dem ganz normalen Alltag.
Prägend waren da auch Begegnungen im Berufsalltag. Durch meine Arbeit in einem Altenheim der Ordensgemeinschaft erlebte ich im Kloster Frauen, die ihre Ecken und Kanten hatten, aber doch Dynamik und Lebensenergie ausstrahlten und deren ständiges Suchen nach Gott deutlich wurde. Gerade auch einige ältere Schwestern strahlten eine überzeugende Zufriedenheit aus und in Randgesprächen neben der Arbeit erfuhr ich viel über ihr Leben. Doch ich hätte von mir aus nie den Mut gehabt, mich näher dafür zu interessieren, denn es hätte ja etwas in mir aufwühlen können. Und da war es genau diese Frage einer Schwester (die mich schon sehr gut kannte) „Wäre das nicht auch etwas für dich?“, die mich, als ich ehrlich in mich hineinhorchte, nicht „nein“ sagen ließ. Ich spürte nach und merkte, dass Disco, Feten, Spaß mit Freunden gut waren, mich aber nicht ausfüllten. Ich ließ mich auf einen Suchprozess ein, in dem begleitende Gespräche eine wichtige Rolle spielten.
Wichtig war mir, erst meine Ausbildung als Altenpflegerin zu beenden und eine feste Zusage für eine Stelle zu haben, bevor ich den Schritt zum Eintritt in den Orden wagte.
Nun gehöre ich schon seit mehr als 22 Jahren der Gemeinschaft der Schwestern der Christlichen Liebe in Paderborn an. Dieses „Angerufen-werden“ und wenn ich mir dann nicht selbst untreu werden wollte, nicht „Nein“ sagen zu können, habe ich schon einige Male wieder erlebt. Und das ist für mich gerade das Spannende daran, meine Berufung zu leben. Immer wenn ich selbst anfange zu planen, zu denken, zu tun, geht es eher daneben oder wird mühsam.
Es bedarf allerdings eines guten Hinhörens, denn die Stimme Gottes ist nicht immer so deutlich zu verstehen und manchmal ist es ja auch viel einfacher, im alltäglichen Brunnen zu schöpfen.
Sr. Rita Kellner, Schwester der Christlichen Liebe



