
Wenn ich gefragt werde, was ich unter (meiner) Berufung verstehe, muss ich zunächst einmal anfangen, von mir zu erzählen: Ich komme aus einer traditionell katholischen Familie. Meine Eltern legten Wert darauf, dass wir am Sonntag zur Messe gingen und vor dem Mittagessen beteten. Der christliche Glaube und die Zugehörigkeit zur Kirche waren selbstverständlich. Offen über den Glauben gesprochen wurde bei uns aber eher nicht. Eine wirkliche Erfahrung von Gemeinde habe ich als Kind nicht gemacht. In unserem kleinen Dorf gab es keine kirchliche Kinder- oder Jugendarbeit.
Als Jugendlicher habe ich mich dann immer mehr von der Kirche distanziert. Ich war der Meinung, dass sie mir nichts zu bieten hatte, was für mein Leben relevant war. Ich beschäftigte mich mit Dingen, die meinem Leben Sinn gaben: Ich hörte viel Musik, spielte Gitarre und traf mich mit Freunden. Meinen Eltern habe ich erklärt, dass ich die Kirche nicht brauche, um an Gott zu glauben. Sie waren darüber nicht gerade begeistert, haben meine Ansicht aber toleriert. Immerhin konnten sie mir den Kompromiss abringen, wenigstens an Weihnachten und Ostern einen Gottesdienst zu besuchen. Ich habe als Jugendlicher meinen grundsätzlichen Glauben an Gott zwar nicht aufgegeben, gelebt habe ich ihn aber auch nicht. Der Glaube spielte keine wirkliche Rolle in meinem Leben. Dies änderte sich auch als junger Erwachsener nicht. Ich machte mein Abitur und wollte irgendetwas in Richtung Pädagogik studieren. Sozialpädagogik ist es dann geworden, an der KFH in Paderborn, Berufswunsch unklar.
Am Ende des zweiten Semesters begegnete ich dann meiner späteren Frau Christina. Sie studierte Religionspädagogik im anderen Fachbereich. Diese Begegnung sollte mein Leben grundlegend verändern. Ich war fasziniert von dieser jungen Frau, die aus Sicht eines eher „latent Gläubigen“ wie mir augenscheinlich „sehr fromm“ war. Erstaunlicherweise schreckte mich dies nicht ab – im Gegenteil: Ihre klaren Einstellungen und Werthaltungen imponierten mir. Der Glaube an Gott war für Christina untrennbar mit ihrem Leben verbunden. Ich traf auf einen Menschen, der authentisch, ehrlich und vor allem überzeugt von seinem Glauben sprach. Und das nicht aufgesetzt, sondern natürlich und glaubwürdig. In den Gesprächen mit Christina bekam ich ein völlig neues Bild von Gott und ahnte zum ersten Mal, was Christsein konkret bedeuten kann. Ich merkte immer mehr, wie mich dieser Gott persönlich ansprach und herausforderte, ihn näher kennen zu lernen. Ich hatte den Eindruck, dass Gott, durch die Begegnung mit Christina völlig neu in mein Leben kommen wollte. Zum ersten Mal begriff ich, dass Gott nicht irgendwo weit weg ist, sondern Teil meines Lebens sein möchte. Die Erkenntnis, dass er mich persönlich kennt, bedingungslos annimmt und mit seiner Liebe beschenken möchte, hat mich tief im Herzen berührt und dazu geführt, dass der Wunsch in mir aufkam, eine neue Beziehung zu Gott aufzubauen.
In dieser Zeit hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen meines Studiums ein längeres Praktikum im Jugendhaus Hardehausen zu absolvieren und im Anschluss daran ehrenamtlich in der Leitung von Orientierungstagen mitzuarbeiten. Im Jugendhaus machte ich eine Erfahrung mit „Kirche“, die ich bisher nicht kannte. Der Ort und die Menschen, die hier lebten und arbeiteten, beeindruckten mich. Ich traf auf Christen, für die der Glaube nicht nur Tradition war. Er prägte vielmehr ihr konkretes Leben. Ich hatte das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ich spürte, dass „Kirche“ wohl etwas anderes ist und sein kann als das, was ich bisher erlebt hatte.
In der Arbeit mit jungen Menschen in Orientierungstagen versuchte ich, die Erfahrungen mit meinem eigenen Glauben einfließen zu lassen. Ich wollte die Zeit, in der die Jugendlichen in Hardehausen waren, nutzen, um ihnen eine Auseinandersetzung mit ihrem Glauben und eine positive Erfahrung mit Kirche zu ermöglichen.
Ich gewann immer mehr den Eindruck, dass ich aus meiner eigenen Biografie heraus eine Verantwortung und einen Auftrag hatte, jungen Menschen Gott auf eine Weise näher zu bringen, die sie anspricht. Ich versuchte dies durch die kreative Gestaltung von Jugendgottesdiensten, den Einbezug moderner christlicher Musik in die Liturgie und diverse jugendpastorale Angebote und Projekte, bei denen ich mitarbeiten durfte. Vor allem merkte ich aber, dass ich durch mein eigenes „Zeugnis“ das Interesse bei jungen Menschen weckte, sich mit ihrem Glauben und Gott zu befassen. Es erfüllt mich, mich auf die jungen Leute einzulassen, mit ihnen zu diskutieren und zu erleben, dass sie offen für Gespräche über ihren Glauben sind, wenn auch ich ehrlich über meinen Glauben spreche. Die Arbeit mit jungen Menschen war für mich mehr als ein Job und ich spürte, dass es kein Zufall war, was in den letzten Monaten in meinem Leben passiert war. Durch meine (neue) Beziehung zu Gott fragte ich mich, was seine Vorstellung für mein Leben ist und was er sich dabei gedacht hat, dass er neu in mein Leben kam. Ich war mir sicher, dass Gott mich in der Arbeit mit jungen Menschen persönlich anfragt und mir zeigt, wo ich meine Gaben und Talente am besten einsetzen kann. Ich war zunehmend davon überzeugt, dass ich diese Berufung in der katholischen Jugendarbeit leben wollte. Ich schrieb meine Diplomarbeit über meine Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen in Orientierungstagen und arbeitete ein weiteres Jahr im Rahmen meines Anerkennungsjahres im Jugendhaus. Im Anschluss daran bekam ich die Chance, ein Jahr lang als Referent für katholische Jugendarbeit im Sauerland tätig zu sein.
Inzwischen arbeite ich seit vier Jahren als Referent für Jugend und Familie im Dekanat Paderborn. Echte Jugendliche treffe ich hier zwar nur noch selten. Nach meiner Berufung gefragt, würde ich aber noch immer antworten, dass ich sie darin sehe, Menschen von einem liebenden Gott zu berichten, der Teil ihres Lebens sein und es dadurch unendlich reicher machen möchte. Ich möchte Zeugnis geben von einem Gott, der die Menschen so sehr liebt, dass er Mensch geworden ist in Jesus Christus. Ich möchte die Menschen, mit denen ich arbeite, einladen, sich auf eine persönliche Erfahrung mit diesem Gott einzulassen. Ich habe es getan und es hat mein Leben verändert.
Rainer Fromme, Referent für Jugend und Familie im Dekanat Paderborn



