Bin ich überhaupt berufen? – Und warum bin ich mir so unsicher, etwas über meine „Berufung“ zu schreiben? Ist es der „Geruch der Heiligkeit“, dem man sich dabei selbst aussetzt; eine Art „Selbstbeweihräucherung“, wenn man sich als „von Gott Berufener“ darstellt? Ist man dann ein „Auserwählter“? Und verliere ich nicht gerade dadurch meine Gottesgewissheit, die ich glaube zu haben, wenn ich ihn als „für mich gefunden“ bekenne?
Mein Glaubensleben ist, wie bei vielen Menschen, geprägt durch Persönlichkeiten, Geistliche, Jugendgruppenleiter, Lehrer und nicht zuletzt meine Eltern. Und natürlich gibt es Ereignisse in meinem Glaubensleben, die mich tief beeindruckt haben, wie z.B. Jugendgruppen, Kirchentage und Riten, alles gleichsam wie feste Steine, auf denen man ausruhen und „Tritt fassen“ kann.
Doch ich kann nicht sagen, dass meine persönliche Berufung sich an einem festen Zeitpunkt, einem einzigen Ereignis oder einer Person fest machen lässt. Überhaupt ist das Wort „Berufung“ für mich irritierend. Es klingt doch zunächst so: Gott ist es, der mich aktiv rufen muss, und ich warte, bis ich aufgerufen werde. Für mich heißt Berufung aber eher: Sich, im doppelten Sinn, „auf-machen“: Offen werden und sich auf Gott zu bewegen. Das ist für mich ein Prozess, der sich immer wieder neu in mir vollzieht und unbedingt so vollziehen muss. Ein Glaubenszeugnis hat daher naturgemäß ein kurzes Verfallsdatum und muss eigentlich jeden Tag neu geschrieben werden. – Berufung hat auch nichts mit „Auserwähltsein“ zu tun, denn sie ist ein ganz normaler „menschlicher Vorgang“, denn jeder Mensch ist nicht nur be-rufen, sondern ge-rufen auf Gott hin: Solange ich denken kann, war ich immer schon auf der Suche nach „den Dingen hinter den Dingen“ und damit nach Gott. Diese Suche ist immer schon Teil meines Wesens und sie ist letztlich das, was alle Menschen mehr oder weniger irgendwann tun. Diesem Suchen Ausdruck verleihen zu können, das macht die „Gattung Mensch“ überhaupt erst „menschlich“. Das kann aber, wie so manche Wesensart, oft auch eine große Last sein, denn die Suche nach dem Grund von Allem endet natürlich nie. Sie droht einen zuweilen zu zerreißen, ohne auch nur in die Nähe des Bodensatzes des eigenen Lebens oder des Lebens an sich zu kommen.
„Be-rufen sein von Gott“ heißt für mich zunächst zu fragen: „Kann ich meinen Ohren trauen?“ Ist der Ruf, den ich bei meiner Suche wahrnehme, wirklich der Ruf Gottes an mich, auf den ich mich zu bewegen kann, oder ist es nur ein fragwürdiges Echo meiner eigenen pseudoreligiösen Eitelkeit. Wie gewiss ist mir Gottes Stimme?- Ich kenne viele Sekundenbruchteile absoluter Gottesgewissheit, die meisten übrigens erfahren im Zusammenhang mit unterschiedlichsten Formen von Musik, quasi als emotionale „Verstärkeranlage“. Diese Momente habe ich als so unumstößlich und gewiss wahrgenommen, dass ich diese Augenblicke am liebsten für immer festgehalten hätte und von deren Erinnerung ich zehre; Momente, die keineswegs „verklärend“ wirken, sondern in denen mir alles klar vor Augen liegt und die den Wert des Lebens offenbaren. Doch dann gibt es da auch die absolute Gottesferne, die zweifeln lässt, dass da „am Ende alles einfach nur Nichts sein könnte“. In diesem Zweispalt bewegt sich mein Leben. Berufung ist für mich die Lebensaufgabe, immer wieder neu, jeden Tag, eigentlich jede Minute, „rund zu hören“ wie in einem U-Boot, ob da nicht doch wieder ein untrügliches Signal aus Gottes Ewigkeit von mir aufgefangen werden kann und dann den Kurs wieder neu danach auszurichten, um nicht „Schiffbruch“ zu erleiden.
Die zweite Frage, die mich umtreibt, lautet: Wenn Gott es wirklich ist, dessen Ruf ich da höre, wozu ruft er mich dann? Was will Gott von mir? Was ist die Bestimmung für mein Leben? Auch das ist keine einmalige Entscheidung, sondern ebenfalls ein steter Prozess. Es ist aber nie eine Banalität abseits des realen Lebens, kein religiöses Hobby am Rande, so wie bei einem Hobbyfunker, der nur so zum Spaß mal irgendeinen Sender im Äther einstellt, um sich dann wieder anderen realeren Dingen zuzuwenden. Es wäre vielmehr die wichtigste Lebensleistung überhaupt, meinem holprigen Leben immer wieder einen göttlich geprägten Sinn zu geben. Daran werden Gott, andere Menschen und nicht zuletzt ich selbst mein kurzes Leben beurteilen und bemessen. Dafür bin ich, wenn es denn überhaupt „Zweck und Maß“ gibt, auf dieser Erde gewesen.
Kann ich eigentlich Gott bekennen, ohne mir seiner sicher zu sein? – Ein wesentliches Merkmal meiner Berufung ist das manchmal schon trotzig paradoxe Bekenntnis zu diesem eigentlich unsagbaren Gott in seiner unfassbaren Größe bei gleichzeitiger Menschenkleinheit in Jesus und der phantastischen Inspiration seines Geistes in dieser konkreten Welt. Dieses Bekenntnis durch Wort oder Tat immer wieder vor anderen zu wagen, obwohl ich mir selbst Gott eigentlich nie ganz sicher bin und ich selbst immer schuldig und unzulänglich bin, das ist die große Herausforderung meines Lebens. Dabei, so empfinde ich auch aufgrund meiner beruflichen Prägung als Arzt, verspüre ich immer eine große Unruhe und Ungeduld. Ich habe keine Zeit zu verlieren, denn mein Leben ist „einmal-ig“, endlich, begrenzt durch Zeit, Leiden und Tod. Ich habe nur diese eine Karte, auf die ich setzen mag. Ich wünsche, es sei die richtige.
Dr. Paulus Decker, Arnsberg


